Gottesdienst ersetzt nicht gerechtes Handeln

Amos 5, 21-24
Der Herr sagt: »Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen. Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Euer Harfengeklimper ist mir lästig! Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

In der Theorie stimmt so vieles in unserem Land: Wir leben in einer Demokratie, in einem Sozial- und Rechtsstaat – niemand braucht sich in unserem Land Sorgen zu machen, unter die Räder zu kommen: weder die Alten, noch die Kranken, auch nicht die Ausländer, nicht die Frauen, nicht die Kinder, nicht die Menschen ohne Arbeit oder ohne ein Dach über dem Kopf, auch nicht die Menschen, die mit einer schweren Behinderung unter uns leben. – Wie aber sieht die Praxis aus?



Der alttestamentliche Prophet Amos sagt: So wichtig das Wasser für das physische Überleben eines Menschen ist, so bedeutsam ist die Gerechtigkeit für das soziale Zusammenleben: Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley stellte nach der deutsch-deutschen Vereinigung ernüchtert fest: „Wir hofften auf Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“. Das heißt doch nichts anderes als: Das Recht und die Gerechtigkeit erschöpfen sich nicht allein in der äußeren Form. Nicht schon allein die Verfassung unseres Staatswesens garantieren Demokratie und soziale Gerechtigkeit – die Verfassung eines Landes muss umgesetzt werden, inhaltlich gewollt und gelebt, ausbuchstabiert im Alltag nach ihrem Gehalt, nicht nach ihrem Wortlaut.

In Anlehnung an das Kirchenlied von Eckart Bücken aus dem Jahr 1973 „Liebe ist mehr als nur ein Wort“ (EG 650) möchte ich sagen: Gerechtigkeit ist nicht nur ein Wort, Gerechtigkeit, das sind Worte und Taten.

Sorgt dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

FRANZ JOSEF DEGENHARDT - DEUTSCHER SONNTAG

1. Wenn die Spinne Langeweile Fäden spinnt und ohne Eile giftig-grau die Wand hochkriecht, wenns blank und frisch gebadet riecht, dann bringt mich keiner auf die Straße, und aus Angst und Ärger lasse ich mein rotes Barthaar stehn, und lass den Tag vorübergehn, hock am Fenster, lese meine Zeitung, decke Bein mit Beine, seh, hör und rieche nebenbei das ganze Sonntagseinerlei. Tada-da-da-dam ...

2. Da treten sie zum Kirchgang an, Familienleittiere voran, Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend, die sie heimlich vorwärts schieben, weil die gern zu Hause blieben. Und dann kommen sie zurück mit dem gleichen bösen Blick, Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend, die sie heimlich heimwärts ziehn, daß sie nicht in Kneipen fliehn. Tada-da-da-dam ...

3. Wenn die Bratendüfte wehn, Jungfraun den Kaplan umstehn, der so nette Witzchen macht, und wenn es dann so harmlos lacht, wenn auf allen Fensterbänken Pudding dampft und aus den Schenken schallt das Lied vom Wiesengrund und daß am Bach ein Birklein stund, alle Glocken läuten mit, die ganze Stadt kriegt Appetit, das ist dann genau die Zeit, da frier ich vor Gemütlichkeit. Tada-da-da-dam ...

4. Da hockt die ganze Stadt und mampft, daß Bratenschweiß aus Fenstern dampft. Durch die fette Stille dringen Gaumenschnalzen, Schüsselklingen, Messer, die auf Knochen stoßen, und das Blubbern dicker Soßen. Hat nicht irgendwas geschrien? Jetzt nicht aus dem Fenster sehn, wo auf Hausvorgärtenmauern ausgefranste Krähen lauern. Was nur da geschrien hat? Ich werd so entsetzlich satt. Tada-da-da-dam ...

5. Wenn Zigarrenwolken schweben, aufgeblähte Nüstern beben, aus Musiktruhn Donauwellen plätschern, über Mägen quellen, dann hat die Luft sich angestaut, die ganze Stadt hockt und verdaut. Woher kam der laute Knall? Brach ein Flugzeug durch den Schall? Oder ob mitm Mal die Stadt ihr Bäuerchen gelassen hat? Die Luft riecht süß und säuerlich. Ich glaube, ich erbreche mich. Tada-da-da-dam ...

6. Dann gehts zu den Schlachtfeldstätten, um im Geiste mitzutreten, mitzuschießen, mitzustechen, sich für wochentags zu rächen, um im Chor Worte zu röhren, die beim Gottesdienst nur stören. Schinkenspeckgesichter lachen treuherzig, weil Knochen krachen werden. Ich verstopf die Ohren meiner Kinder. Traumverloren hocken auf den Stadtparkbänken Greise, die an Sedan denken. Tada-da-da-dam ...

7. Und dann die Spaziergangstunde, durch die Stadt, zweimal die Runde. Hüte ziehen, spärlich nicken, wenn ein Chef kommt, tiefer bücken. Achtung, daß die Sahneballen dann nicht in den Rinnstein rollen. Kinder baumeln, ziehen Hände, man hat ihnen bunte, fremde Fliegen - Beine ausgefetzt - sorgsam an den Hals gesetzt, daß sie die Kinder beißen solln, wenn sie zum Bahndamm fliehen wolln. Tada-da-da-dam ...

8. Wenn zur Ruh die Glocken läuten, Kneipen nur ihr Licht vergeuden, dann wirds in Couchecken beschaulich. Das ist dann die Zeit, da trau ich mich hinaus, um nachzusehen, ob die Sterne richtig stehen. Abendstille überall. Bloß manchmal Lachen wie ein Windstoß über ein Mattscheibenspäßchen. Jeder schlürft noch rasch ein Gläschen und stöhnt über seinen Bauch und unsern kranken Nachbarn auch. Tada-da-da-dam ...

Lothar Hinderer, ehg@ekhg.de

 

 
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