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Auf Erden sollst Du fröhlich werden
Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der viele Menschen regelrecht süchtig sind nach einem Leben im Glück. Und sie tun es zumeist, indem sie nach möglichst viel Geld und Besitz streben. Doch das ersehnte Glück bleibt oft aus. Die leidvollen Seiten menschlichen Lebens wie Unzulänglichkeiten, Armut, Krankheit, Sterben und Tod werden gefühlsmäßig und gedanklich im Alltag einfach an den Rand geschoben und vielfach verdrängt. Unsere Vorstellung von einem glücklichen Leben nährt sich aus der bunten Scheinwelt der Werbung – und die Werbung wiederum bedient ihrerseits nur zu gerne wieder unsere eigenen mitunter verschrobenen und verdrehten Fantasien vom großen Glück. Vor nicht allzu langer Zeit sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über zwei überaus vermögende Zeitgenossen:
Eine gängige Haltung ist es auch, das Glück auf eine spätere Zeit zu schieben: wenn erst der richtige Partner gefunden, die Schulden abbezahlt sind oder was immer einem auch einfallen mag, um das Glück in eine ferne Zukunft zu schieben. Religiös überhöht wird dann das eigentliche Leben hier zum Jammertal, zur Bewährungsprobe oder Prüfung bestenfalls – das wirklich wahre Leben kommt immer erst später im Jenseits, im Paradies. Zu Recht hat Christoph Blumhardt dieser irrigen Meinung widersprochen als er schrieb: „Wir können nicht bloß auf die Ewigkeit hoffen… Auf Erden sollst Du fröhlich werden!“. Jesus selbst vertröstet uns nicht auf eine bessere ferne Zukunft, sondern verspricht uns:"Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben" (Die Bibel, Johannes evangelium Kap. 10, Vers 10). "Es gibt ein Leben vor dem Tod!" betitelte der überzeugte und engagierte Sozialist Wolf Biermann seine LP aus dem Jahre 1976. - "Es gibt ein Leben vor dem Tod!", das war dem Staatsapparat nun doch zu viel des Sozialismus. Am 16. November 1976 beschließt das Politbüro der DDR die Ausbürgerung Biermanns, weil sich sein Programm gegen den Sozialismus und die DDR richtet, sprich: staatsfeindlich ist. "Es gibt ein Leben vor dem Tod!" formulierte später auch die feministische Theologie im Gegensatz zu allen Vertröstungsversuchen männlicher Kollegen auf ein besseres Jenseits.
Ebenso sieht es auch Heiner Geißler, der ehemalige CDU-Generalsekretär, der im Jahr 2003 ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel: "Was würde Jesus heute sagen? - Die politische Botschaft des Evangeliums", in dem er Fragen nachgeht wie z. B. Warum "gerieten die Leute außer sich", wie der Jesus-Biograph Matthäus schreibt, "als sie seine Worte hörten"? Was an ihm hat die Menschen fast verrückt gemacht? Warum forderten die Machthaber seinen Tod?
Wenn ich überzeugt bin, dass jeder Mensch auf dieser Erde dasselbe Recht auf Glück hat wie ich selbst, dann wird diese Überzeugung konkrete Schritte nach sich ziehen. Ich werde mich einmischen und versuchen, Einfluss zu nehmen auf das Geschehen in der Welt, mit meinen Möglichkeiten, an dem Ort, an dem ich mich befinde. Wie genau das aussieht, mich "einzumischen", ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Da gibt es keine allgemein gültige Regel, kein "richtig" oder "falsch". - Wichtig ist, auf die innere Stimme des Gewissens zu hören, durch die auch Gott zu mir spricht.Ich möchte schließen mit einem Text von Dorothee Sölle, die - in gleicher Weise persönlich wie auch politisch - über diese Zusammenhänge schreibt: Hunger nach Sinn Ich werde manchmal gefragt, warum ich denn „immer noch“ für Gerechtigkeit, Friede und die gute Schöpfung eintrete. „Immer noch?“ frage ich zurück, wir fangen doch gerade erst an, aus der Verbundenheit mit dem Leben heraus, zu kämpfen, zu lachen, zu weinen. Wir können uns doch nicht auf das geistige Niveau des Kapitalismus zurückschrauben und ständig „Sinn“ mit „Erfolg“ verwechseln. Das ist eine lebensgefährliche Verwechslung, wenn wir das Leben zurechtstutzen auf das Machbare und das, was sich konsumieren lässt. Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen! Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln und die Verbundenheit mit allem, was lebt, die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben und nicht später, sondern jetzt und hier. Bei uns, in uns. Lothar Hinderer, ehg@ekhg.de Hast du eine Idee zu einem neuen aktuellen Thema? Mail uns!
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