Auf Erden sollst Du fröhlich werden

Christlicher Glaube vertröstet nicht auf ein besseres Jenseits, sondern setzt sich aktiv dafür ein, das Diesseits, das Hier und Jetzt lebenswert zu gestalten für so viele Menschen wie irgend möglich.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der viele Menschen regelrecht süchtig sind nach einem Leben im Glück. Und sie tun es zumeist, indem sie nach möglichst viel Geld und Besitz streben. Doch das ersehnte Glück bleibt oft aus.

Die leidvollen Seiten menschlichen Lebens wie Unzulänglichkeiten, Armut, Krankheit, Sterben und Tod werden gefühlsmäßig und gedanklich im Alltag einfach an den Rand geschoben und vielfach verdrängt.

Unsere Vorstellung von einem glücklichen Leben nährt sich aus der bunten Scheinwelt der Werbung – und die Werbung wiederum bedient ihrerseits nur zu gerne wieder unsere eigenen mitunter verschrobenen und verdrehten Fantasien vom großen Glück.

Vor nicht allzu langer Zeit sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über zwei überaus vermögende Zeitgenossen:
Zum einen wurde da Prof. Dr. Dr. med. habil. Werner L. Mang vorgestellt, laut Springer Verlag "Deutschlands renommiertester Schönheitschirurg", der am Bodensee eine Klinik für Schönheitschirurgie leitet und leidenschaftlich teure Autos, Häuser und Jachten sammelt – zum anderen Ise Bosch, eine vermögende Enkelin von Robert Bosch, die in Amerika Musik und Geschichte studierte und jetzt als Jazzmusikerin auf dem Lande im Norden Deutschlands lebt, ihren Salat und ihr Gemüse selbst anpflanzt und in den USA über 100 Frauenstiftungen ins Leben rief als „Hilfe zur Selbsthilfe“. In diese Projekte fließt auch ein Großteil ihres Vermögens und ihrer Zeit.
Zwei völlig unterschiedliche Lebensentwürfe. - Wer von beiden ist wohl glücklicher und trägt mehr zum Glück anderer Menschen bei?

Eine gängige Haltung ist es auch, das Glück auf eine spätere Zeit zu schieben: wenn erst der richtige Partner gefunden, die Schulden abbezahlt sind oder was immer einem auch einfallen mag, um das Glück in eine ferne Zukunft zu schieben. Religiös überhöht wird dann das eigentliche Leben hier zum Jammertal, zur Bewährungsprobe oder Prüfung bestenfalls – das wirklich wahre Leben kommt immer erst später im Jenseits, im Paradies.

Zu Recht hat Christoph Blumhardt dieser irrigen Meinung widersprochen als er schrieb: „Wir können nicht bloß auf die Ewigkeit hoffen… Auf Erden sollst Du fröhlich werden!“. Jesus selbst vertröstet uns nicht auf eine bessere ferne Zukunft, sondern verspricht uns:"Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben" (Die Bibel, Johannes evangelium Kap. 10, Vers 10).

"Es gibt ein Leben vor dem Tod!" betitelte der überzeugte und engagierte Sozialist Wolf Biermann seine LP aus dem Jahre 1976. - "Es gibt ein Leben vor dem Tod!", das war dem Staatsapparat nun doch zu viel des Sozialismus. Am 16. November 1976 beschließt das Politbüro der DDR die Ausbürgerung Biermanns, weil sich sein Programm gegen den Sozialismus und die DDR richtet, sprich: staatsfeindlich ist.

"Es gibt ein Leben vor dem Tod!" formulierte später auch die feministische Theologie im Gegensatz zu allen Vertröstungsversuchen männlicher Kollegen auf ein besseres Jenseits.
Für die Theologieprofessorin Dorothee Sölle z. B. war nur ein mit allen Leidenden, Unterdrückten, Missbrauchten und Ausgebeuteten solidarisch gelebtes Leben wirkliches Leben. Ein christlicher Glaube, der nur um das eigene Wohlergehen und Seelenheil bedacht ist, kam für sie einer Verhöhnung der Botschaft Jesu gleich.

Ebenso sieht es auch Heiner Geißler, der ehemalige CDU-Generalsekretär, der im Jahr 2003 ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel: "Was würde Jesus heute sagen? - Die politische Botschaft des Evangeliums", in dem er Fragen nachgeht wie z. B. Warum "gerieten die Leute außer sich", wie der Jesus-Biograph Matthäus schreibt, "als sie seine Worte hörten"? Was an ihm hat die Menschen fast verrückt gemacht? Warum forderten die Machthaber seinen Tod?
Heiner Geißler erzählt in diesem Buch „die unerhörte Geschichte des Jesus von Nazareth… und schildert, mit welchen Folgen sich Jesus in die damaligen Machtverhältnisse eingemischt hat. Er überträgt die Aussagen des Evangeliums auf die heutige Zeit und konfrontiert die politische, kulturelle und ökonomische Gegenwart mit der schönsten und zugleich revolutionärsten Botschaft der Weltgeschichte“ (aus dem Klappentext zum Buch).
Das Schwäbische Tagblatt schließlich meldete am 18. Mai 2007: "Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ist dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten." Für Heiner Geißler ein konsequenter, wenn auch für viele Menschen überraschender Schritt!

Wenn ich überzeugt bin, dass jeder Mensch auf dieser Erde dasselbe Recht auf Glück hat wie ich selbst, dann wird diese Überzeugung konkrete Schritte nach sich ziehen. Ich werde mich einmischen und versuchen, Einfluss zu nehmen auf das Geschehen in der Welt, mit meinen Möglichkeiten, an dem Ort, an dem ich mich befinde.

Wie genau das aussieht, mich "einzumischen", ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Da gibt es keine allgemein gültige Regel, kein "richtig" oder "falsch". - Wichtig ist, auf die innere Stimme des Gewissens zu hören, durch die auch Gott zu mir spricht.

Ich möchte schließen mit einem Text von Dorothee Sölle, die - in gleicher Weise persönlich wie auch politisch - über diese Zusammenhänge schreibt:

Hunger nach Sinn

Ich werde manchmal gefragt, warum ich denn „immer noch“ für Gerechtigkeit, Friede und die gute Schöpfung eintrete.

„Immer noch?“ frage ich zurück, wir fangen doch gerade erst an, aus der Verbundenheit mit dem Leben heraus, zu kämpfen, zu lachen, zu weinen.

Wir können uns doch nicht auf das geistige Niveau des Kapitalismus zurückschrauben und ständig „Sinn“ mit „Erfolg“ verwechseln.

Das ist eine lebens­gefährliche Verwechslung, wenn wir das Leben zurechtstutzen auf das Mach­bare und das, was sich konsumieren lässt.

Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen! Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln und die Verbundenheit mit allem, was lebt, die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben und nicht später, sondern jetzt und hier. Bei uns, in uns.

Lothar Hinderer, ehg@ekhg.de

 

 
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