Fehler machen erfolgreich

Was haben Post-it-Haftnotizen und Mercedes A-Klasse gemeinsam? Sie begannen als Misserfolg. Der Post-it-Erfinder hatte den Auftrag, einen superstarken Klebstoff zu entwickeln...

...was dabei herausgekommen ist, wissen wir alle: Eine Erfolgsstory - auf Umwegen. Denn die erste Idee, den missratenen Klebstoff, der nicht wirklich klebte, für ablösbare Notizen zu nutzen, wurde nochmals ein Misserfolg; die mit dem Kleber überzogene Pinwand verkaufte sich einfach nicht. Erst als ein Dirigent sich über die ständig aus seinen Notenblättern rieselnden Notizzettel ärgerte und sich des seltsamen Klebstoffs erinnerte, kam der Welterfolg ins Rollen.
Mercedes nutzte seine umfallende A-Klasse für eine einzigartige PR-Kampagne und machte den Elchtest zum Sympathieträger.

Fehler machen, ist die eine Sache, Fehler nutzen, die andere. In unserer deutschen Kultur gelten Fehler als Makel; Perfektion ist gefragt. Das lernen wir spätestens in der Schule: Wer keinen Fehler macht, ist der Champion. Und ein Fehler, der dem Lehrer entgeht, ist der Triumph des Schülers.
In einzelnen japanischen und US-amerikanischen Unternehmen tönt es anders: Fehler auf den Tisch! Denn sie zeigen den Weg zum Neuen. Versteckt Fehler nicht, sondern analysiert sie und macht sie zum Ausgangspunkt weiterer Entwicklung! Wer Fehler machen darf, wagt sich leichter an Unbekanntes, auch an Schwieriges heran. Solche Ansätze gibt es auch in der Pädagogik. Schüler oder Studentinnen bekommen nicht einfach Lernstoff eingepaukt, sondern erarbeiten sich Themen selbst.
Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern ist nicht mit Laxheit zu verwechseln. In manchen Bereichen ist Fehlerfreiheit oberstes Gebot. Aber auch dort, wo Fehler nützlich sind, kommt es darauf an, Verantwortung für sie zu übernehmen, mit ihnen zu arbeiten – so lange bis die Sache funktioniert, bis der Lernstoff verstanden ist.

Die Frage, welche Haltung ich gegenüber Fehlern einnehme, ist existentiell. Wenn ich keinen Fehler machen darf, darf ich – als imperfekter Mensch – nicht existieren. Ganz schnell wird da aus dem Menschen, der Fehler macht, ein Mensch, der Fehler hat. Wenn ich mich als unvollkommenen Menschen akzeptiere, dann sind Fehler und Entwicklung erlaubt.
Da liegen Unternehmensphilosophie, Pädagogik und Theologie ganz nahe beieinander: Auch im Christentum gab es Zeiten, in denen der Mensch mit Fehlern, der Sünder, zur Hölle verdammt galt. Gott sei Dank suchte Martin Luther nach einem gnädigen Gott. In der Bibel ist er leicht zu finden: der Gott, dem jeder, der aus einem Fehler lernt, zehn Mal lieber ist als einer, der nach dem Motto lebt „Wer nichts macht, macht auch keine Fehler. Also mach ich lieber nichts.“:

„Es wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“ (Lukasevangelium 15,7)

Cäcilia Branz, khg@ekhg.de

 

 
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