Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!

"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!" skandieren tausende Studierende derzeit in mehreren deutschen Städten. An vielen Hochschulstandorten werden Lehrveranstaltungen bestreikt und Hörsäale besetzt, so auch in Tübingen und Reutlingen.

In Reutlingen blieb zunächst alles ruhig, zumindest oberflächlich betrachtet. "Mich wundert es nicht, dass hier niemand streikt", sagte mir ein Student vor ein paar Tagen, "jeder muss schauen, dass er sein Studium bewältigt und die Studiengebühren machen alles nur noch viel schlimmer".

Doch auch Reutlingen ist keine Insel der Glückseligen. Zwar sind die Lehrveranstaltungen hier nicht so krass überlaufen und laufen nicht so anonym ab wie an vielen Universitäten, doch die Raumnot und der ewige Prüfungsdruck ab dem ersten Semester plagen auch hier gewaltig. Verwaltung, Lehrende und Studierende leiden allesamt darunter.
Die ständig zunehmende Verdichtung der Lerninhalte und die ständig wachsende Beschleunigung des Studiums (ausgelöst und ständig neu angeheizt durch den Bologna-Prozess) tun niemandem gut.

Viele sind im wahrsten Sinn des Wortes entnervt, Lernende wie Lehrende. Bereits Erstsemestrige erkranken an burnout, müssen mitunter bereits zu Beginn ihres Studiums eine krankheitsbedingte Pause einlegen oder brechen ihr Studium wegen Überforderung frühzeitig ganz ab.
Andere legen einfach die Ohren an, schließen die Augen und geben Gas.
Humboldtsches Bildungsideal? Fehlanzeige!

Doch: Reutlingen ist ein relativ kleiner und überschaubarer Hochschulstandort. Darin liegt auch eine große Chance, die Chance nämlich, dass alle von der Bildungsmisere Betroffenen gemeinsam darüber diskutieren, welche Schritte im eigentlichen Wortsinn Not-wendig sind, um das Studium an deutschen Hochschulen zukünftig deutlich menschlicher zu gestalten als heute.

Studierende der PH schlossen sich Ende November dem bundesweiten Bildungsstreik an, organisierten Arbeitskreise, Diskusssionen und eine Demo am 26.11., an der mehrere hundert Studierende teilnahmen.
Aktuelle Informationen über den derzeitigen Stand der Aktionen bietet der Bildungsstreikblog der PH Reutlingen.

Non vitae, sed scholae discimus („Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“) ist ein Seneca-Zitat (epistulae morales ad Lucilium 106, 12), in dem er seine Kritik an den römischen Philosophenschulen seiner Zeit äußert.

Die bekanntere verdrehte Version, Non scholae, sed vitae discimus , wird verwendet, um aus berufenem Munde zu belegen, dass das, was man in der Schule lernt, wichtig fürs Leben sei. Letztlich stellt das Zitat sogar eine Forderung an die Schule dar: Nicht für die Schule, sondern für das Leben soll gelernt werden. Dies gilt mit Sicherheit auch für die Hochschulen.

Non scholae, sed vitae discimus
Dieser Satz in Gottes und Menschen Ohr!

Lothar Hinderer, ehg@ekhg.de

 

 
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