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Das Land der Sonnenausgräber Eine merkwürdige Legende berichtet von einer fernen und sagenhaften Insel, die das Land der Sonnenausgräber genannt wurde. Da niemand den Namen erklären konnte, machte sich ein erfahrener und weit gereister Mann auf den Weg, das Geheimnis zu erkunden.
Nach langer Reise kam er an einem Nachmittag auf der Insel an und fand die Bewohner unruhig und geschäftig vor. Immer wieder spähten sie besorgt nach der Sonne, die sich ihrem Untergang zuneigte; und gleichzeitig schauten sie auf merkwürdige Schächte und Bohrlöcher, die die Insel durchzogen. "Sie geht wieder von dannen", bedeuteten die Leute dem Fremden, "wir werden von neuem graben und graben müssen, damit sie wieder erscheint."
"Wie" - sagte der Fremde - "ihr wollt die Sonne aus der Erde heraus graben?" "Wir müssen", bekam er zur Antwort, "denn wenn wir es nicht schaffen, wenn wir sie nicht da unten herauskriegen, kommt sie nie mehr wieder."
"Und wie meint ihr, dass ihr es schafft?", fragte der Fremde. "Darüber streiten sich unsere Experten", hieß die Antwort. "Die einen sind der Auffassung, man müsse senkrecht nach unten graben, die anderen schwören darauf, waagrecht nach Westen sei die richtige Richtung, wieder andere behaupten: aus dem Osten komme das Licht. So graben und bohren wir in allen Richtungen gleichzeitig. Die Lösung kennen wir noch nicht. Aber zum Glück ist es uns bisher jedes Mal gelungen, sie da unten wieder aufzuscheuchen, so dass sie zu uns zurückgekehrt ist. "Deshalb", so schlossen die Leute ihren Bericht; "entschuldigen Sie uns jetzt! Wir müssen wieder an die Arbeit."
Und indem die Sonne entschwand, sah der Fremde die Inselbewohner an ihre Arbeit gehen. Mit Schaufeln und Baggern wühlten sie die Erde auf, um die untergegangene Sonne zu finden oder doch wenigstens wieder aufzuscheuchen. Sie arbeiteten die ganze Nacht.
Als der Morgen kam und die Sonne aufging, hörten sie mit ihrer Arbeit auf. Wo sie sich gerade befanden, legten sie sich hin und verfielen in tiefen Schlaf. Ihr Land hatten sie etwas weiter verwüstet. Dass die Sonne auch Kraft hat, wenn sie nicht von uns zu sehen ist, und dass sie sich ohne unser Zutun wieder zu uns wendet, hatten sie noch immer nicht begriffen.
Graben wir nicht auch manchmal nach der Sonne? Meinen, uns anstrengen zu müssen, obwohl uns etwas geschenkt wird. Meinen, etwas herbei zwingen zu müssen, was sich unserer Macht entzieht wie z.B. die Zuneigung anderer Menschen, das Glück oder auch die Liebe Gottes - wir können sie nicht herbei beten, nicht erarbeiten, nicht erzwingen - sie fällt uns zu, wird uns einfach geschenkt! Lothar Hinderer, ehg@ekhg.de Hast du eine Idee zu einem neuen aktuellen Thema? Mail uns!
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